Ich habe bis dato keine öffentlichen Kommentare zu #MeToo und #TimesUp gepostet, auch wenn ich natürlich im Privaten darüber gesprochen habe. Anfangs war der einfache Grund: ich hatte nicht das Gefühl, dass ich meine eigenen Erfahrungen bezüglich sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen teilen möchte, weil sie mir eben doch zu privat sind. Ich wollte mich dennoch positionieren und dachte lang darüber nach, wie, denn ich dachte, man müsse das jetzt eben doch mal machen oder zumindest auf das Movement aufmerksam machen oder zumindest den Hashtag posten. Doch das Thema und der daraus entstandene Diskurs ist so riesig, so umfangreich, so sensibel und so komplex, dass ich mir sicher war, dass ich ihm niemals gerecht werden könnte. Letzten Endes beließ ich es dabei, anderen Menschen meinen Support zukommen zu lassen. Warum? Weil ich mich immer noch schäme, während es eine Selbstverständlichkeit ist, dass ich anderen Opfern sage: Es ist nicht deine Schuld.
Dass ich mich als Feministin bisher noch gar nicht geäußert habe, bereitet mir ein schlechtes Gewissen, denn auf eine Diskussion wie diese warte ich seit Jahren. Ich warte seit Jahren darauf, dass es kein Tabu mehr ist, über sexuelle Übergriffe bis hin zu sexuellen Missbrauch zu reden. Ich will, dass solche Dinge nicht mehr totgeschwiegen werden, ich will, dass sich niemand mehr schämen muss, Opfer zu sein. Ich will, dass den Opfern zugehört wird, ich will, dass jede und jeder eine Stimme bekommt. Die Welt soll sehen, wie präsent Erfahrungen sexuellen Missbrauchs und sexueller Gewalt vor allem für Frauen sind. Auch in unserer vermeintlich so feministischen Gesellschaft und nicht nur weit weg hinter verschlossenen Türen in Hollywood, sondern auch im ganz alltäglichen Leben. Auf all das aufmerksam zu machen ist das Ziel von #MeToo und #TimesUp.
Das Aufgreifen dieses kontroversen Themas ist zwar immens wichtig, bietet jedoch auch Nährboden für dämliche, verletzende, unfassbare, ignorante und arrogante Kommentare. Ich will nicht auf irgendwelche irren Internet-Trolls eingehen und ich kann und will auch gar nicht alle einschlägigen Diskussionsbeiträge der Vergangenheit aufgreifen, die mich ansatzweise verstimmt haben. Da gibt es viel zu viele. Exemplarisch will ich auf einen Beitrag des Neo Magazins vom 22. Februar eingehen, der gekonnt die irrationale Angst, die (angebrachte?) Scham und die verletzende Genervtheit einfängt, sobald das Thema im Gespräch aufkommt. Es werden auf der Berlinale passend zur Diskussion rund um den Regisseur Dieter Wedel deutsche Schauspieler bezüglich Sexismus interviewt. Personen, die eigentlich wissen müssten, wie sie sich öffentlich zu äußern haben, die allerdings nichts als Stammtischparolen von sich geben. Sobald jedoch das Wort Sexismus oder der Name Dieter Wedel fällt, sieht man beispielsweise in Jürgen Vogels Augen, dass er sich bemühen muss, sie nicht reflexartig Richtung Hinterkopf zu verdrehen.
Sprüche wie: "Wenn man 30 Jahre braucht, um sich daran zu erinnern, dass man irgendwann mal sexuell belästigt worden ist, dann finde ich das schon ein bisschen merkwürdig" hört man nicht zum ersten Mal und zeigen, wie unreflektiert und unbeholfen abwehrend zum Teil mit dem Thema umgegangen wird. Denn denkt man auch nur einen winzigen Schritt weiter, dann fällt schnell auf, dass es sich hier nicht darum handelt, dass jemand "30 Jahre braucht, um sich zu erinnern", sondern dass jemand 30 Jahre braucht, um überhaupt den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Um zu erkennen, was damals geschehen ist und dass das ganz und gar nicht Normalität sein darf.
Ein weiteres, beliebtes "Argument" unter Männern ist außerdem: "Jetzt darf man als Mann einer Frau nicht mal mehr Komplimente machen." Auch hier wird deutlich, wie tief das Problem sitzt und wie tief Sexismus in den Köpfen verankert ist. Wenn man(n) nicht einmal mehr zwischen Kompliment und sexueller Belästigung unterscheiden kann, dann ist etwas grundlegend falsch. Mir ist klar, dass viele Männer verunsichert sind und gezwungenermaßen nun ihr eigenes Verhalten hinterfragen müssen und eventuell Angst haben, selbst Teil des Problems zu sein und sich einmal (oder auch mehrmals) daneben verhalten zu haben.
Diese Angst ist nachvollziehbar, darf aber nicht zu Abwehrmechanismen führen. (Und sowieso: Wir Frauen haben Tag für Tag Angst. Angst um uns. In der U-Bahn, auf der Straße, jeden Tag.) Es sollte vielmehr der Anstoß eines wichtigen Gesprächs sein. Was so viele Frauen* sich wünschen, ist gefragt zu werden. Wo fängt für dich sexuelle Belästigung an? Was empfindest du als unangenehm? Wo sind die Grenzen? Und überhaupt, wo liegt das Problem dabei, einfach mal zu fragen: Ist das gerade okay für dich? Wieso fällt uns das so schwer? Wieso wiegt die Angst, abgewiesen zu werden oder sich lächerlich zu machen (was nicht passieren würde) schwerer als das Wohlbefinden der anderen Person? Wieso wiegt euer Stolz so schwer?
#MeToo darf kein "Geschlechterkampf" sein, wie die ehemalige Femen-Aktivistin Zana Ramadani es ausdrückt, und als solcher war der Hashtag auch niemals intendiert. Es geht nicht um Frauen gegen Männer. Auch Männer* werden zu genüge Opfer und auch die sollen gehört werden. Dennoch ist es durch den Hashtag evident wie nie geworden, dass Frauen noch immer unter patriarchalen, von Männer dominierten Strukturen leiden und dass struktureller Sexismus genauso real ist wie körperliche Gewalt gegen Frauen. Dieser schadet - nebenbei gesagt - auch Männern, weil er Druck und Erwartungen an sie stellt, denen sie niemals gerecht werden können und Unsicherheit entstehen lässt, wo keine sein muss.
Was aus #MeToo hervorgehen soll, ist die Bereitschaft, sich zu äußern, wenn etwas unangenehm ist und zu weit geht und auf der anderen Seite die Bereitschaft, diesen Worten Gehör zu verleihen und sich dementsprechend zu verhalten. Ich wünsche mir keinen Geschlechterkampf, sondern einen gemeinsamen Kampf gegen Sexismus. Kampf gegen sexuelle Gewalt. Kampf gegen gemeinschaftsschädigende Strukturen. Love Sex, Hate Sexism!
- Vivi Nö
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Die Collagen sind zusammengestellt aus Beiträgen aus dem SZ Magazin, sowie dem Zeit Magazin.
Dass ich mich als Feministin bisher noch gar nicht geäußert habe, bereitet mir ein schlechtes Gewissen, denn auf eine Diskussion wie diese warte ich seit Jahren. Ich warte seit Jahren darauf, dass es kein Tabu mehr ist, über sexuelle Übergriffe bis hin zu sexuellen Missbrauch zu reden. Ich will, dass solche Dinge nicht mehr totgeschwiegen werden, ich will, dass sich niemand mehr schämen muss, Opfer zu sein. Ich will, dass den Opfern zugehört wird, ich will, dass jede und jeder eine Stimme bekommt. Die Welt soll sehen, wie präsent Erfahrungen sexuellen Missbrauchs und sexueller Gewalt vor allem für Frauen sind. Auch in unserer vermeintlich so feministischen Gesellschaft und nicht nur weit weg hinter verschlossenen Türen in Hollywood, sondern auch im ganz alltäglichen Leben. Auf all das aufmerksam zu machen ist das Ziel von #MeToo und #TimesUp.
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| Collagen: Anne Haferung; Instagram: @chipswithvinegar |
Sprüche wie: "Wenn man 30 Jahre braucht, um sich daran zu erinnern, dass man irgendwann mal sexuell belästigt worden ist, dann finde ich das schon ein bisschen merkwürdig" hört man nicht zum ersten Mal und zeigen, wie unreflektiert und unbeholfen abwehrend zum Teil mit dem Thema umgegangen wird. Denn denkt man auch nur einen winzigen Schritt weiter, dann fällt schnell auf, dass es sich hier nicht darum handelt, dass jemand "30 Jahre braucht, um sich zu erinnern", sondern dass jemand 30 Jahre braucht, um überhaupt den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Um zu erkennen, was damals geschehen ist und dass das ganz und gar nicht Normalität sein darf.
Ein weiteres, beliebtes "Argument" unter Männern ist außerdem: "Jetzt darf man als Mann einer Frau nicht mal mehr Komplimente machen." Auch hier wird deutlich, wie tief das Problem sitzt und wie tief Sexismus in den Köpfen verankert ist. Wenn man(n) nicht einmal mehr zwischen Kompliment und sexueller Belästigung unterscheiden kann, dann ist etwas grundlegend falsch. Mir ist klar, dass viele Männer verunsichert sind und gezwungenermaßen nun ihr eigenes Verhalten hinterfragen müssen und eventuell Angst haben, selbst Teil des Problems zu sein und sich einmal (oder auch mehrmals) daneben verhalten zu haben.
Diese Angst ist nachvollziehbar, darf aber nicht zu Abwehrmechanismen führen. (Und sowieso: Wir Frauen haben Tag für Tag Angst. Angst um uns. In der U-Bahn, auf der Straße, jeden Tag.) Es sollte vielmehr der Anstoß eines wichtigen Gesprächs sein. Was so viele Frauen* sich wünschen, ist gefragt zu werden. Wo fängt für dich sexuelle Belästigung an? Was empfindest du als unangenehm? Wo sind die Grenzen? Und überhaupt, wo liegt das Problem dabei, einfach mal zu fragen: Ist das gerade okay für dich? Wieso fällt uns das so schwer? Wieso wiegt die Angst, abgewiesen zu werden oder sich lächerlich zu machen (was nicht passieren würde) schwerer als das Wohlbefinden der anderen Person? Wieso wiegt euer Stolz so schwer?
#MeToo darf kein "Geschlechterkampf" sein, wie die ehemalige Femen-Aktivistin Zana Ramadani es ausdrückt, und als solcher war der Hashtag auch niemals intendiert. Es geht nicht um Frauen gegen Männer. Auch Männer* werden zu genüge Opfer und auch die sollen gehört werden. Dennoch ist es durch den Hashtag evident wie nie geworden, dass Frauen noch immer unter patriarchalen, von Männer dominierten Strukturen leiden und dass struktureller Sexismus genauso real ist wie körperliche Gewalt gegen Frauen. Dieser schadet - nebenbei gesagt - auch Männern, weil er Druck und Erwartungen an sie stellt, denen sie niemals gerecht werden können und Unsicherheit entstehen lässt, wo keine sein muss.
Was aus #MeToo hervorgehen soll, ist die Bereitschaft, sich zu äußern, wenn etwas unangenehm ist und zu weit geht und auf der anderen Seite die Bereitschaft, diesen Worten Gehör zu verleihen und sich dementsprechend zu verhalten. Ich wünsche mir keinen Geschlechterkampf, sondern einen gemeinsamen Kampf gegen Sexismus. Kampf gegen sexuelle Gewalt. Kampf gegen gemeinschaftsschädigende Strukturen. Love Sex, Hate Sexism!
- Vivi Nö
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Die Collagen sind zusammengestellt aus Beiträgen aus dem SZ Magazin, sowie dem Zeit Magazin.




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