Obwohl Self Love und Body Positivity in Zusammenhang mit Feminismus in Deutschland mittlerweile ungeniert ausgelebt und gefeiert werden dürfen, ist die Grundidee, die dahinter steht, noch lange nicht gesellschaftlicher Grundtenor. Eine tief verankerte Unsicherheit ist scheinbar immer noch allgegenwärtig und das nicht ohne Grund.
Fast jede*r zweite Deutsche möchte abnehmen, rund 38% haben sich bereits an einer Diät versucht. Das ergab eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Allensbach. Von den befragten Frauen, die laut BMI im Normalgewicht liegen, möchte ein Drittel Gewicht verlieren, bei den normalgewichtigen Männern ist es jeder zehnte. Von den Befragten, die bereits eine Diät ausprobiert haben, sprechen lediglich 20% von einem Erfolg.
Diese Zahlen sind nicht überraschend. Diätprogramme, Personal Trainer, Nahrungsergänzungsmittel und co. gibt es nicht erst seit gestern. Das gängige Schönheitsideal, das in unserem Land gilt, beinhaltet noch immer mindestens einen flachen Bauch, straffe Oberschenkel und möglichst wenig Körperfett (außer an den Brüsten und dem Hintern). Auch, wenn dank Kylie Jenner das Ideal eines stark untergewichtigen, kurvenlosen Körpers langsam abgelöst und die ein oder andere Kurve akzeptabel wird, fühlen sich vor allem Frauen noch immer dazu genötigt, sich und ihren Körper am laufenden Band zu optimieren. Denn nun folgen sie einem anderen, aber ebenso unmöglich zu erreichenden Ideal.
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Wir werden, wohin wir auch sehen, mit Frauenbildern konfrontiert, die der Realität kaum ferner sein könnten. Nicht nur das Fernsehen und die Werbung konstruieren weibliche Figuren, deren Merkmale sich mindestens unterbewusst in unseren Köpfen festsetzen. Neben der Hochglanzwerbewelt gibt es noch eine andere, weniger durchschaubare Welt. Ganz besonders auf Youtube und Instagram begegnen uns Frauen, die für uns greifbar erscheinen. Sie geben vor, ganz normale Verbraucher wie du und ich zu sein und empfehlen uns wie eine beste Freundin Produkte und Kleidung aller Art. Dass diese Dinge mindestens gesponsert sind oder die Werbenden riesige Summen von den Firmen erhalten, wird oftmals nicht deutlich gemacht. Dass wir bestimmte Makel haben und deshalb bestimmte Produkte brauchen, wussten wir vorher auch noch nicht. Besonders gerne werden Bullshit-Kuren wie die von Fittea beworben und das so dreist und so verlogen, dass mir übel wird. Dass die Fans der Influencer oftmals minderjährig und damit besonders sensibel und beeinflussbar sind, ist Nebensache.
Selbst TV Shows wie der "Germany's Next Topmodel"-Abklatsch "Curvy Supermodel", welche vorgeblich Frauen mit Kleidergröße 40 aufwärts Selbstbewusstsein schenken sollen, präsentieren uns grundsätzlich immer die gleiche Körperform: Große Brüste, schmale Taille, wenig Bauchfett, voluminöse Hüften und einigermaßen schlanke Beine. Du kannst also trotz leichtem Übergewicht schön sein, aber eigentlich auch nur, wenn die Proportionen stimmen und dein Gesicht dem Ideal entspricht. Frauen begeben sich genau wie bei allen anderen Shows dieser Art aktiv in einen Konkurrenzkampf mit anderen Frauen statt sich gegenseitig aufzubauen. Revolutionär und vor allem "echt" ist an dieser Show absolut gar nichts.
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Denkst du gerade: "Ist doch nichts Neues, weiß ich doch schon längst"? Natürlich ist das alles nichts Neues. Aber wie kann es sein, dass wir einer derart profitgierigen, ignoranten Industrie NOCH IMMER eine solche Macht über uns und unser Wohlbefinden geben? Wie kann es sein, dass wir uns so sehr ausnutzen lassen und wie kann es sein, dass wir uns so viele Unsicherheiten einreden lassen, nur damit diese Industrie im Gegenzug unser Geld bekommt? Man stelle sich vor, wie schnell sie zu Grunde gehen würde, wenn plötzlich alle zufrieden mit sich wären.
Natürlich ist es nicht leicht, zufrieden mit sich selbst zu sein. Die Erkenntnis, dass beispielsweise Diäten nicht dazu da sind, uns zu helfen, ist dabei aber essentiell. Diäten sollen auf lange Sicht nicht funktionieren, das ist nicht ihr Sinn. Der Sinn ist, dass wir uns nach einer gescheiterten Diät wieder einreden, dass wir Verlierer sind und dass wir in ein paar Wochen die nächste Diät anfangen und wieder Geld investieren, das wir nie mehr wiedersehen. Ganz ähnlich arbeitet die Modeindustrie. Du musst ständig kaufen, damit du im Trend bleibst. Wenn du nicht wöchentlich neue Kleidung kaufst, bist du out. Und das alles gilt bei weitem nicht nur für Frauen. Auch Männer sind von alldem betroffen. Was am Ende bleibt, sind traurige, unzufriedene, arme, kranke Menschen.
Es liegt an uns, ob wir weiterhin Teil dieser Scheiße sein wollen. Scheiß auf Fast Fashion, scheiß auf Stoffwechselkuren, scheiß auf Mitesser, scheiß auf Konkurrenzkampf, scheiß auf im Trend sein, scheiß auf Fett am Bauch, scheiß auf Menschen, die uns ein schlechtes Gefühl über uns selber geben wollen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir nicht trotzdem Selbstbewusstsein aus unserer Kleidung, unserer Maniküre, unserem Make-Up ziehen können. Aber eins ist klar: Weder für die Beauty- noch für die Modeindustrie liegt der Fokus darauf, irgendjemandem ein gutes Gefühl zu geben und das sollten wir uns bewusst machen, wenn wir das nächste Mal unsere Mitesser im Spiegel anstarren oder an unserem Körperfett herumdrücken.
Ihr seht hier Fotos von verschiedenen Menschen, die etwas an ihrem Körper fotografiert haben, mit dem sie sich unsicher fühlen. Obwohl diese Bilder eine riesige Überwindung für sie darstellen, lassen sie euch an ihnen teilhaben. Sie stehen über diese vermeintlichen Makel und verstecken sich nicht. Embrace your flaws, embrace yourself!
(Trigger: Narben)
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Mir gefällt dein Artikel und das schreibe ich als Mann.
AntwortenLöschenFür mich ist Schönheit etwas, was in der Ausstrahlung und in einem Bereich liegt, der außerhalb von konstruierter Schönheit liegt. Wenn ich einem selbstbewussten Mensch begegne hat das unglaublich viel mit Schönheit zu tun. Eine Ausstrahlung die nicht beeinflussbar ist. Zumindest nicht durch Konstruierung, sie it unwillkürlich und ensteht wenn man loslässt und sich so akzeptiert wie man ist.
Viele, dazu auch ich, spielen ein Stück mehr oder ein Stück weniger dieses Spiel der Gesellschaft, "wer ist die/der Schönste im ganzen Land?". Es ist okay dieses Spiel mal mitzumachen, doch man sollte aufpassen wie weit man sich in diese Gedanken verweben lässt.
Hartmut Rosa, ein rechtbekannter Soziologe brachte das Buch "Resonanz" heraus. Dabei wird Resonanz als ein erfüllender Kontakt mit der Welt beschrieben.
Für ihn ist ein Haus, gutes Aussehen, Statussymbole oder ein großer Freundeskreis kein direkter Ausdruck für ein erfülltes Leben. Sie gelten als Ressource, nicht aber als per se Glücksfaktor. Vielmehr sagt er weiter, geht um die Beziehung hinter diesen Ressouren. Resonanz als Weltbeziehung in der wir uns auf die Dinge tiefer und offener einlassen. Resonanz als ein in der Welt stehen und mit der Welt sein.
Dabei "benutzen" wir laut Hartmut Rosa ebenfalls unsere Haut, unseren Körper. Dieser Werdegang von Mode und Konstruierung trennt uns von unserem sein und verhindert Resonanz.
Wir benutzen uns und trennen uns von uns selbst. Wir müssen so aussehen, so riechen, so wirken. Was dabei entsteht ist Distanz. Diese zieht ein Linie zwischen Uns selbst und unseren Vorstellungen, sie verhindert ein mituns selbst sein, sie verhndert die Resonanz.
Dein Artikel ist grundlegend und doch enorm wichtig.
Vielen Dank für den neuen Input! Ich denke, es sollte sich die Waage halten. Man kann gerne auch Wert auf das eigene Aussehen legen, aber man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was im Endeffekt wichtig ist und was zum eigenen Glück und eben auch zum Gesellschaftswohl am langfristigsten beiträgt.
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