Mit den Worten "Warum sollten Frauen ihre Zeit damit verschwenden, sich hübscher zu machen als sie sind? Männer machen in derselben Zeit einfach Karriere." eröffnet die Soziologin Barbara Kuchler ihren Zeit-Artikel "Sexismus: #OhneMich" und arbeitet sich im Laufe ihres Textes daran ab, dass das Problem des andauernden Alltagssexismus' unserer Gesellschaft nicht etwa die Männer sind, die uns Frauen einschränken, einschüchtern und sexuell missbrauchen. Die Tatsache, dass "ein kurzer Griff oder ein markiger Spruch" für Männer kein Grund zur Aufregung ist, sei "nur die Oberfläche eines tiefergehenden Problems." Das Problem sind nämlich wir, die Frauen. Oder vielmehr wir, die Frauen, die sich schminken und körperbetont kleiden. Denn: "Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als "knackiger Hintern" oder "scharfe Schnitte" wahrgenommen werden."
Mit dieser Kernthese betreibt sie Victimblaming, sowie Slutshaming at its best und gibt nicht nur Frauen die Schuld an ihrer Unterdrückung und an sexueller Gewalt, die sie erfahren müssen, sondern unterteilt Frauen auch noch in zwei Kategorien, von der eine - eben die Frauen, die sich "schöner machen als sie sind" - "das Problem" ist. Einen so verletzenden, unreflektierten, kurz gedachten Beitrag kann und will ich nicht auf mir sitzen lassen.
Zu Beginn stellt Kuchler die durchaus korrekte Beobachtung in den Raum, dass Frauen verstärkt auf ihr Aussehen achten (müssen), während es bei Männern mehr auf Status und Leistung ankommt. Frauen werden auf ihren Körper und ihr Äußeres reduziert, während bei Männern "Geist, Witz, Wille" präsent ist. Mit ihrer Ausgangsthese gehe ich durchaus konform, die Reduzierung der Frau aufs Aussehen ist leider die traurige Realität, in der wir noch immer leben. Ausgehend davon zieht sie allerdings gravierende, gesellschaftsschädigende Fehlschlüsse. Die Wurzel des Problems ist laut ihr nämlich die Tatsache, dass Frauen sich nicht der gesellschaftlich zugewiesenen Aufgabe des "Gutaussehenmüssens" entziehen. Ihre Lösung für das Problem Unterdrückung der Frau und sexuelle Gewalt gegen Frauen lautet: "[Die Frauen] müssen aufhören, sich zu schminken, zu schmücken und zu stylen, sich selbst permanent als Körper zu präsentieren." Ihre Lösung für das Problem lautet nicht: "Männer müssen verdammt nochmal aufhören, Frauen als minderwertiges Objekt zu sehen."
Wenn es nach Kuchler ginge, müssten sich die Opfer den Tätern anpassen. Das neue Schlagwort des Feminismus' soll lauten: "Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit. Ich tue nicht mehr für mein Aussehen als der durchschnittliche Mann, und ich stelle meinen Körper nicht stärker zur Schau als der durchschnittliche Mann." Anders gesagt: Ich mache mich klein, ich verzichte, ich verstelle mich, ich verstecke mich. Ich passe mich an, um mich zu schützen. Ich verharre weiterhin in einer unterdrückten Rolle, nur um nicht sexualisiert und mit sexueller Gewalt konfrontiert zu werden. Diese Forderung dann auch noch als aktives Handeln, als aktives Arbeiten an einer besseren Gesellschaft darzustellen, ist unerträglich. "Hier sind es wir Frauen, die etwas ändern können – heute und sofort –, statt von den Männern einzufordern, dass sie sich ändern sollen." Und erneut: wir Frauen müssen uns verstellen. Die Männer dürfen - wie immer - so weitermachen wie bisher.
Was Kuchler zusätzlich vernachlässigt und was sie als Soziologin eigentlich durchaus stark in den Blick nehmen müsste, ist die Tatsache, dass Frauen immer sexualisiert werden und wurden. Es ist egal, ob und wie viel Make-Up Frauen tragen. Das Problem liegt immer in dem Frauenbild, das in der Gesellschaft dominiert. Dieser Zusammenhang ist eindeutig und so simpel, dass alle anderen Ansätze beinahe absurd scheinen. Und Kuchler räumt ja sogar ein, dass Männer trotz engen Hosen und hohen Schuhen natürlich "kein Recht zum Grapschen" haben. Der Rest ihres Textes spricht aber eine ganz andere Sprache.
Ihr Aufruf, das Schminken sein zu lassen und nur noch das anzuziehen, was im Schrank ganz oben liegt, ist weder Lösung, noch eine Wohltat. Ich will mich schminken, ich will mich mit Mode ausdrücken, ich will mich abgrenzen durch mein Aussehen, ich will Statements setzen, ich will mich wohlfühlen, ich will ein Gesamtkunstwerk sein, mit all meinem Schmuck und Bemalungen. Warum soll ich mir das nehmen lassen? Und warum sollen die Geschlechter denn absolut gleich sein? Wozu das Anpassen bis ein großer Brei entsteht?
Ich will die Möglichkeit haben, High Heels zu tragen, ich will sie aber nicht tragen müssen. Ich will die Möglichkeit haben, mit einem kurzen Rock auf die Straße zu gehen, ich will es aber nicht tun müssen. Sollte es nicht viel wünschenswerter sein, die Wahl zu haben, ohne dass jemand mir in diese Wahl hineinpfuschen will und bestimmen will, wofür ich mich entscheide? Was ist mit den Männern, die ebenso Lust an Make-Up und Fashion empfinden? Und warum sollte ich Hobbys aufgeben, die mir Freude bereiten? Hört auf, mir den Spaß an Make-Up und Mode und meinem eigenen Körper abzusprechen. Nur, weil irgendwelche Männer ein Problem mit ihrem Frauenbild und ihrer eigenen Maskulinität haben, soll ich mich aufgeben und meinen Körper verstecken? Ich hab' keinen Bock darauf. Ich will auf eine Gesellschaft hinarbeiten, die mir und all meinen Mitmenschen ohne Ausnahmen erlaubt, sexy zu sein oder auch nicht, je nach Lust und Laune. Kuchler will dagegen auf eine uniformierte Gesellschaft hinarbeiten, in der sich "entweder alle oder keiner" offenherzig / hochgeschlossen kleiden. Wo bleibt da der persönliche Spielraum, die Möglichkeit sich auszudrücken?
Natürlich hat Kuchler Recht, wenn sie sagt: "Gesehen wird man durch andere." Und genau das ist ja das Schöne und das, was mir und so vielen anderen Freude bereitet. Wir wollen uns abgrenzen oder zugehörig zeigen. Und das tun wir ja auch für uns, das tun wir, weil es uns ein gutes Gefühl gibt. Warum denn auch nicht? Daran ist nichts verwerflich. Gerne kann man sich auch, so wie Kuchler es fordert, mal überwinden und ungeschminkt aus dem Haus gehen, wenn man gerade wirklich keine Lust oder Zeit dafür hat. Aber sie vergisst in ihrem Drang nach der Anpassung des weiblichen Geschlechts an das männliche unter Anderem, dass Männer sich durchaus auch um ihr Aussehen scheren. Darüber, dass sich da rasiert, gegelt, eingecremt und sorgfältig der Anzug ausgewählt wird, spricht sie nicht. Mir ist klar, dass der Druck gut auszusehen, der auf Frauen lastet, sehr viel höher ist. Aber wieso fordert sie dann, dass Modedesigner*innen weniger freizügige Kleidung für Frauen designen statt zu fordern, dass sich beispielsweise etwas in der Werbung und den Printmedien ändert? Statt zu fordern, dass weniger in veralteten, sexistischen Denkmustern gehandelt und an ihnen festgehalten wird? Statt zu fordern, dass die frauenfeindliche Einstellung von Machos, Mackern und Sexisten gesellschaftlich geahndet wird?
Kuchler erkennt ein Problem und will es lösen, schafft es dabei jedoch nicht, die richtigen Verbindungen zu ziehen und die angenehmsten Visionen zu schaffen. Wenn wir schon eine Utopie ohne sexuelle Gewalt erschaffen, dann doch bitte eine, in der jede*r sich ausdrücken und leben darf, wie er*sie will.
- Vivi Nö
Link zum Artikel: https://www.zeit.de/kultur/2017-11/sexismus-metoo-sexuelle-uebergriffe-aussehen/komplettansicht
Link zu meiner Facebook-Seite: https://www.facebook.com/vulvaparty/
*Dies ist eine originalgetreue fotografische Reproduktion eines zweidimensionalen Kunstwerks. Das Kunstwerk an sich ist aus dem folgenden Grund gemeinfrei: Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.


0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen