DEINE LEITKULTUR IST NICHT MEINE LEITKULTUR

Den Deutschen geht es schlecht. Niemand auf der Welt mag sie, niemand interessiert sich für sie und sie dürfen nicht mal ihr eigenes Land geil finden, weil ihnen noch dieses lästige dritte Reich nachhängt. Dabei ist das doch schon so lang her und Deutschland hat doch so viel mehr zu bieten! 
Zeit, dass everybody's Darling Thomas de Maizière uns und die ganze Welt mal wieder daran erinnert, was Deutschland eigentlich so sexy und attraktiv macht.

Screenshot: Youtube
Die Bild am Sonntag hat vor zwei Tagen den Artikel "Leitkultur für Deutschland - Was ist das eigentlich?" von Thomas de Maizière abgedruckt. Was als "Diskussionsbeitrag" bezeichnet wird, ist im Endeffekt nichts anderes als die selbstgefällige Beschreibung eines CDU-Märchenlandes, das der Realität kaum ferner sein und genauso gut aus der Feder der AfD stammen könnte. Hier wird von etwas gesprochen, nach dem eigentlich niemand gefragt hat. De Maizière will in seinen Punkten zur Leitkultur die Dinge herausarbeiten, die "uns von anderen" unterscheiden, die uns "im Innersten" zusammenhalten. 
"Wir", das sind übrigens die Staatsbürgerinnen und -bürger Deutschlands. Nicht etwa all diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland leben und unsere Gesellschaft dementsprechend ebenfalls formen. Das ist ein gravierender Unterschied und lässt unzählige Menschen unter den Tisch fallen, die ebenso wichtige Mitglieder unserer Gesellschaft sind wie diejenigen, die deutsche Staatsbürgerschaft genießen. Laut dem Mediendienst für Migration betrifft das 7,8-9,11 Millionen Menschen - knapp 10 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen. 

Bevor de Maizière sich überhaupt traut, mit seinen Punkten loszulegen, schiebt er eine ellenlange Rechtfertigung vorweg. "Es gibt viele Unterschiede", das ließe sich gar nicht bestreiten, "was in Deutschland gilt, kann genauso in Frankreich gelten", aber es gibt eben Unterschiede und das ist auch wahnsinnig wichtig! Wir sind WICHTIG! Wir sind ANDERS! 

Screenshot: rtl2.de
Ich frage mich ganz grundsätzlich: Warum wollten wir uns zwanghaft von jemandem unterscheiden? Was soll das ständige Abgrenzen, die Trennung zwischen 'wir' und 'die'? Das ist nichts als ein billiger Versuch, Zusammengehörigkeit zu kreieren, sich künstlich aufzuspielen, das schlechte Gewissen aus dem Patriotismus zu eliminieren. 

Hat de Maizière sich in den letzten paar Jahren eigentlich überhaupt mal in der Realität bewegt? Es fühlt sich so an, als wandele er verträumt umher in einem Deutschland, das so nicht existiert. Mit Sicherheit hätte er gerne, dass ein solches Deutschland existiert. Wir leben aber beispielsweise nicht mehr in einem Land, in dem die Kirche regiert. Wir leben längst in einem Land, in dem Staat und Kirche voneinander getrennt sind und in dem sich jeder aussuchen kann, welchem Glauben er*sie folgt, bzw. ob er überhaupt einem Glauben folgen will. Er spricht von "religiösem Frieden", weil die katholische und die evangelische Kirche sich nicht mehr gegenseitig bekriegen, bringt aber direkt im ersten Punkt seiner Leitkultur folgendes, lächerliches, absolut peinliches Statement:

"Wir sind nicht Burka."

Ein ohnehin sensibles Thema wird hier nicht nur so unsensibel wie nur möglich aufgegriffen, sondern hier wird auch noch Sprache für Kleinkinder verwendet. Nicht sonderlich verwunderlich in Anbetracht der Tatsache, dass der Artikel in der Bild am Sonntag erschienen ist. Ein Thema, welches in der Vergangenheit bereits so artifiziell aufgeblasen wurde, erneut unangebrachterweise zu einem schwerwiegenden Problem zu machen, zeugt von Angst und Trotz. Dass später davon gesprochen wird, "unterschiedliche Lebensformen" zu akzeptieren, soll wohl nur ein kleiner Scherz sein.

Screenshot: rtl.de
Den unerträglichen Leistungsdruck und -zwang stellt de Maizière weiterhin als erstrebenswert dar, denn "Leistung und Qualität bringen Wohlstand". Dass unzählige Menschen dabei auf der Strecke bleiben, sich als geringerer Teil der Gesellschaft fühlen und an all dem Druck zugrunde gehen, wird nicht einmal angeschnitten. Wer sich nicht in den richtigen Bereichen anstrengt (denn was sind schon die schönen Künste?), hat eben Pech gehabt. Hauptsache Wohlstand, Hauptsache Prestige, Hauptsache, man kann sich selbst am Ende noch in die Augen sehen. 

Als Sahnehaube oben drauf gibt es noch das provisorische "Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus", aber de Maizière erklärt all das für vorüber. Flaggen raus, wir können Deutschland endlich wieder geil finden und uns endlich wieder durch etwas definieren.


Ich finde, dass die Leitfragen des Artikels durchaus ihre Berechtigung haben.
Wer sind wir? Wer wollen wir sein?
Ihre Beantwortung dagegen bereitet mir Übelkeit. Meine persönliche Leitkultur für das Menschsein beinhaltet keine Kirche, keinen Leistungsdruck, keine Prestige, keine Selbstdarstellung, keine Ausgrenzung und keine Abgrenzung. Meine Leitkultur für das Menschsein beinhaltet Solidarität, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Zusammenleben, Neugierde und Vielfalt.
Ich brauche keine deutsche Leitkultur, ich brauche keine verzweifelte CDU, die mit letzter Kraft versucht, Mauern zu errichten, wo keine sein müssten.
Ich möchte keine Deutsche sein, ich möchte Mensch sein.



3 Kommentare:

  1. Burkas zeigen die Zugehörigkeit der Frau zu ihrem Mann bzw. zu ihrem Vater. Und das ist ein Problem, welches man nicht "sensibel" angehen sollte. Der Islam ist eine barbarische Ideologie, die unter anderem auf Frauenrechte scheißt. (siehe Burka). Aber das nur am Rande. Im Jahre 2017, in einem säkularen Land, sollte die Aussage eher (Um im Jargon des Herrn de Maizière zu bleiben) "Wir sind nicht Religion" und nicht "Wir sind nicht Burka" lauten.

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    1. Wenn "Wir nicht Religion" sein sollten, warum ist denn genau diese so im System verankert? Christliche Feiertage, Kirchensteuer, christlicher Religionsunterricht (besonders pervers in Grundschulen), eine "christliche Wertegemeinschaft" usw.
      Nur weil man Burkas unteranderem als Zeichen der Unterdrückung sehen kann, heißt es nicht dass jede Burka-Trägerin sofort unterdrückt wird. Man kann Menschen doch nicht das Recht auf Selbstbestimmung und freier religöser Entfaltung nehmen nur um ein pseudo feministisches Zeichen zu setzen. "Hey wir haben dir Frauen gleichberechtigt. Jetzt dürfen sie ohne Verschleierung kochen, putzen und auf die Kinder aufpassen". Von den CSU/CDU Futzis sind die wenigstens doch wirklich feministisch Veranlagt und nehmen es nur als Vorwand.
      Wenn 99 von 100 Leuten zu etw. gezwungen werden, kann ich doch der einen Person nicht verbieten es nicht zu tun nur weil andere es aufgezwungen bekommen.

      Deutschland, Arschloch, fick dich!

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    2. Aber genau das spricht de Maizière ja gar nicht an. Es geht in Punkt 1 seiner Leitkultur um das tatsächliche 'Gesicht zeigen', nicht um die Unterdrückung der Frau. Das meine ich mit unsensibel. Er spricht völlig plakativ ein 'schockierendes' Symptom eines viel tiefergehenden Problems an. Und wieso? Weil das so schön einfach für die lieben Bildleser und Wutbürger ist. Aus reiner Angst gegen etwas zu sein, anstatt sich mit dem zu beschäftigen, was dahinter steht: Frauenrechte. Dass de Maizière sich aber niemals als Feminist bezeichnen, geschweige denn wie einer handeln / denken / sprechen würde, ist uns aber allen bewusst.

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