Im Oktober veröffentlichten sie ihr erstes Album "Hydra 3D", momentan spielen sie die letzten Shows ihrer Clubtour. Und ich finde das Album geil. Meiner Meinung nach wurde auf "Hydra 3D" eine Menge richtig gemacht. Vielleicht nicht alles, aber doch genug, um mich vergessen zu lassen, dass ich mich in einer Fanbase befinde, die zu 90% aus 14-jährigen, Mundschutz tragenden Jungs und Mädchen besteht. Wieso Mundschutz? Keine Ahnung, aber Ardy macht das auch.
Ich habe mir also eine Karte für die Show im Mojo Club besorgt und mich von meiner Begleitung sogar dazu überreden lassen, ein paar Stunden früher dort aufzuschlagen. Man muss früh da sein, weil die Fans total crazy sind, hab ich mir sagen lassen. Tatsächlich lungern schon um 16 Uhr einige Leute vorm Mojo herum und ich stelle mir unweigerlich die Frage, ob man mit seiner Naturhaarfarbe überhaupt reingelassen wird.
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| (c) Lisa Korpys |
Nach fünf Minuten knicke ich ein. Die Kälte macht mir zu schaffen. Wie schaffen diese Kinder es, so lange eisenhart vor der Location auszuharren? Ich setze mich ins Jazz Café und beobachte durch die Fensterscheiben die ganzen Teenager, zu denen ich irgendwie auch noch gehöre oder auch nicht, ich bin mir in diesem Moment wirklich nicht mehr sicher.
Gegen halb sechs stelle mich wieder zu meiner Begleitung und warte. Währenddessen sagt ein Kerl neben mir: "Guck mal, die da hinten hat sich die Haare so wie Luna Darko geschnitten, Cringefaktor steigt", und merkt gar nicht, dass seine Bemerkung das einzige ist, was irgendwie ungefähr cringey ist.
Als der Typ von der Security endlich den Eingang aufmacht und die Kinder im Sekundentakt ermahnt, nicht zu drängeln, fällt mir ein Stein vom Herzen. Mit einem breiten Grinsen präsentiere ich mein Ticket und stolziere in den Laden rein. Meine Begleitung habe ich verloren. Zielsicher steuere ich die hinterste Reihe an und setze mich zu einem Mann, den ich ein bisschen scheiße von der Seite anlabere.
- "Bist du ein Vater oder stehst du auf die Musik?"
- "Nee nee, Vater. Man muss sich ja auch irgendwie für die Kinder interessieren, sonst kapseln die sich ja voll ab."
- "Mhm, klar. Voll cool von dir."
- "Die sind wohl alle voll verrückt nach denen, oder?"
- "Zurecht auch, sehen halt gut aus."
- "Wie bei The Police damals."
Und irgendwann regt sich auf der Bühne was und die Westghost Clique liefert die größte Scheiße überhaupt ab. Wer behauptet, die Texte von Dat Adam wären eine Beleidigung für überhaupt alles und jeden, der ansatzweise Sinn für Sprache und Geschmack hat, der hat absolut keine Ahnung, was Young Kira in seinen Songtexten fabriziert.
Kleines Beispiel:
"I'm the shit, bitch - Gucci Mane /
Wargreymon Flow - du bist Level Rookie, ey /
Ey, Windows 98, born 93 /
Heute turn ich up wie ein Beyblade"
Versteht irgendwer irgendwas? Ich jedenfalls nicht. Young Kira und sein Kumpel hopsen noch für eine halbe Stunde oder so über die Bühne und die Kids feiern es wirklich irrsinnig. "Multiple Orgasmen, würd ich deine Bitch fingern", singen die da aus voller Kehle mit. Der eine auf der Bühne hat einen leeren Turnbeutel auf dem Rücken. Ich fühle mich plötzlich doch wieder alt.
Irgendwann machen die Westghosts sich endlich aus dem Staub und ich habe total schlechte Laune von diesem bescheuerten Auftritt.
Ich erfahre, dass meine Begleitung es in die dritte Reihe geschafft hat. Ich stehe immer noch ganz hinten und habe die beste Sicht. Nach relativ kurzer Zeit kommen Dat Adam auf die Bühne und einigen entweicht ein Kreischen, wofür sich alle direkt schämen, weil Taddl doch auf Twitter gesagt hat, man soll auf den Shows nicht kreischen.
Es gibt eine relativ unspektakuläre, wenn auch wirkungsvolle Lichtshow, während eine verlängerte Version des Intros von "Hydra 3D" läuft und als Ardy und Taddl zu singen und rappen beginnen, bin ich wirklich positiv überrascht. Im Vorfeld hab ich mir einige Live Auftritte angesehen, die ich mittelmäßig bis grottig fand, aber an diesem Abend klingt alles fast wie auf Platte. Das überrascht mich tatsächlich so sehr, dass ich den fürchterlichen Auftritt der Westghosts schon fast wieder verdrängen kann. Der Vater neben mir schießt mit seinem Handy ein Foto nach dem anderen.
Die Setliste ist vernünftig zusammen gestellt, sowohl Songs von der Chrome EP, als auch komplett neue Songs werden gespielt, während man den drei Jungs auf der Bühne ansieht, dass sie lieben, was sie tun und zu 100% hinter ihrer Musik stehen. Die fühlen das, wenn die in Dauerschleife singen "love is all we need" und so plakativ dieser Slogan sein mag, ich finde ihn einfach und gut. Welche Werte sollte man sonst vermitteln, gerade so jungen Menschen? Ob man die "ich spliffe meinen J"-Dauerschleife unbedingt braucht, ist zwar sehr fragwürdig, aber darüber will ich jetzt nicht genauer diskutieren. Bei "Lennon 2" formen alle mit ihren Händen Herzen und singen im Chor mit. Die Stimmung ist einfach wahnsinnig gut.
Irgendwann steigen Taddl und Ardy in die Crowd, in einen kleinen Pit und halten sich da etwa zwei Minuten auf. Die Leute in den ersten Reihen sterben tausend Tode vor Glück und das find ich irgendwie schön. Ich stelle mir vor, wie mein 15-jähriges Ich in einem Pit mit den Typen von Asking Alexandria ist und bis an sein Lebensende davon erzählt.
Nach einer Stunde kommen Young Kira und Co wieder auf die Bühne und ich gehe nachhause. Ich wäre gern noch bis zum Ende geblieben, aber noch mehr von diesen Leuten ertrage ich nicht.
Fazit: Dat Adam haben eine solide Show hingelegt, ich hatte eine gute Zeit, die Location war perfekt ausgewählt und die Stimmung war herausragend. Auch die Lichtshow tat ihr übriges. Musikalisch gab es nichts auszusetzen. Zwischendurch erzählten sie irgendwelche Geschichten und waren dabei extrem sympathisch. Sollten sie sich irgendwann dazu entscheiden, sich von ihrem Support Act zu trennen, würde ich jederzeit wieder auf eine ihrer Shows gehen.
- Vivi Nö
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