DICKE TITTEN, KARTOFFELSALAT

Es ist Weltfrauentag, wie schön!
Mit Glück bekommst du heute als weibliches Wesen einen Blumenstrauß geschenkt oder auch eine Tafel Schokolade (aber nicht essen, a moment on the lips, forever on the hips, Ladies!). Und morgen musst du dir dann wieder anhören, dass du doch bitte mal lächeln sollst, Süße.
Genauso nutzlos wie Muttertag, Vatertag und internationaler Tag der Modelleisenbahn. Und überhaupt: "Wo bleibt denn der Weltmännertag? Ihr Feministen seid doch so für Gleichberechtigung."
Ja, wir Feministen sind total für Gleichberechtigung. Wir kämpfen sogar dafür, denn wir wollen, dass alle Geschlechter (ja, es gibt mehr als zwei) absolut gleich behandelt werden. Da ist die Sache mit dem Gehalt nur die Spitze des Eisberges.


Ich bin eine Frau und ich muss mich tagtäglich mit dem Alltagssexismus, der unsere Gesellschaft prägt, auseinandersetzen. Ich wage zu behaupten, dass kein Mann auf der Welt jemals wirklich nachvollziehen kann, wie es ist, sich als Frau durch diese Welt zu bewegen. 
Mir wird auf der Straße hinterher gepfiffen, mir wird aus dem Auto "Geiler Arsch!" hinterher geschrien, ich werde Schlampe genannt, wenn ich über meinen eigenen Körper bestimme, es ist ein Aufreger, wenn ich ohne Bikinioberteil am Strand liege, ich muss zu jeder Tages- und Nachtzeit einen BH tragen, wenn ich keine Lust auf dein Dummgeschwätz habe, sagst du mir: "Da hat wohl wieder jemand seine Tage."
Wenn du jetzt denkst, dass ich übertreibe und einfach nur empfindlich bin, dann hast du einfach nichts verstanden. 
Ich muss mir nichts von alledem gefallen lassen. Ich muss Witze über Vergewaltigung nicht witzig finden und ich darf und werde dir sagen, dass ich sie geschmacklos und gefühllos finde. Und ich werde dich auch scheiße finden. Ich muss Idioten wie Mario Barth und Luke Mockridge nicht akzeptieren, denn sie sind diejenigen, die sexistisch ohne Ende sind, aber gleichzeitig die Attitüde "reg' dich doch nicht auf, ist doch nur Spaß, man muss doch auch über sich selber lachen können" vertreten und somit Alltagssexismus nur noch weiter vertiefen. Wenn ich auf eine Karnevalsparty gehe, muss ich nicht darüber lachen, dass sich einer aus dem Büro als Frau verkleidet hat, weil ich nämlich genau weiß, dass diejenigen, die das voll zum Brüllen finden, Transsexuelle abstoßend finden und wenn ich mir vorstelle, wie eine Transfrau daneben steht und das hören muss, bricht es mir das Herz. Zu "Dicke Titten, Kartoffelsalat" muss ich nicht tanzen.
Vielleicht hast du immer noch nichts verstanden.


Ich bin eine Frau und mein Körper ist anrüchig, steht für Sex. Meine Brüste sind nicht dazu da, meine Kinder zu ernähren, sondern effektives Werbemittel. Mein Hintern auch. Meine Beine auch. Mein Rücken auch. Mein ganzer Körper ist ein Objekt. Und wehe, ich entscheide selbst darüber. Außerdem muss ich trainiert, straff, dünn sein, damit ich mit mir zufrieden sein darf. Das sagt mir jedes Magazin, das man im Laden kaufen kann. Mein Körper ist sexualisiert, aber meine Periode ist ekelhaft und ein Tabuthema. Wehe, man sieht meine Nippel.
Wenn ich als Frau eine Vergewaltigung anzeigen will, werde ich gefragt, was ich anhatte. Ob mein Vergewaltiger verurteilt wird? Wer weiß. Vermutlich nicht. Sehr wahrscheinlich nicht.
Ich wiederhole mich, ich weiß, und das ist gut.
In diesem Moment werden Frauen unterdrückt, verkauft, vergewaltigt, missbraucht, mundtot gemacht, ihnen werden Recht entzogen, sie werden genital verstümmelt, sie leiden leiden leiden. Weil sie Frauen sind. 
 

Jemand sagte mir einmal, in Deutschland bräuchten wir keinen Feminismus. Frauen haben doch die gleichen Rechte. Sie dürfen doch wählen. In den Entwicklungsländern wäre das ja verständlich, das mit dem Feminismus.
All das, was ich in diesem Post erwähnt habe, ist Diskriminierung. Nicht nur die Tatsache, dass ich 75 Cent verdiene für die gleiche Arbeit, die ein Mann für einen Dollar macht. Nur, weil ich mittlerweile als Frau öffentlich rauchen darf, heißt das nicht, dass ich nicht auf andere Weise diskriminiert werde.
Diskriminierung hat tausend Gesichter. Diskriminierung geht auch unterschwellig und sie wird noch viel zu selten erkannt und unterbunden. Zu häufig wird es als normal betrachtet und vieles wird einfach beiseite gewischt. Das muss aufhören.
Ich weiß: Männer leiden auch. Männer dürfen nicht weinen, müssen stark sein, erfahren ebenso Qualen, erfahren ebenso Gewalt. Ich weiß das. Und deswegen setze ich mich für jedes Geschlecht ein, für jeden Menschen. Aber die Zahlen sprechen für sich.
Der Weltfrauentag sollte nicht dafür da sein, mit Blumensträußen schlechte Gewissen zu bereinigen. Er sollte die Debatte über Sexismus zum Gesprächsthema machen.

Wir sind nicht das schwache Geschlecht. Und wir lassen uns auch nicht dazu machen.

- Vivi Nö



1 Kommentare:

  1. Das ist einer der stärksten Texte, die ich seit langem gelesen habe und ich lese echt viel. ich, als Frau, kann jedes Wort absolut nachvollziehen. Sätze wie "Wenn man sich so anzieht, muss man nichts anderes erwarten" sind eine Dreistigkeit, die man sich nunmal nicht gefallen lassen sollte. Und das schlimme ist, dass nach all den Jahrzenten der Problematik mit Essstörungen etc. die Medien, die Gesellschaft noch nicht weiter ist und immernoch versucht die Frau als körperliches Objekt darzustellen ohne zu verstehen, wieviele Menschen das zugrunde richtet. Wieviel Verstand dabei eigentlich abgestirbt, weil manche glauben, dass die Frau besser schön als klug sein sollte, weil die meisten nichts anderes erwarten.
    Es ist spät und vielleicht macht das geschriebene keinen Sinn, entschuldige.
    Ich finde deinen Text trotzdem sehr wichtig. Und sehr gut geschrieben, nebenbei.

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